Brief an den Bürgermeister

Brief an den Bürgermeister

Folgender Brief wurde heute, am 20. August 2009, von uns im Rathaus persönlich zugestellt:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Häupl,

im zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, sollen Teile des historischen Parks Augarten, trotz gültiger Bezirksparlamentsbeschlüsse, verbaut werden. Der Augarten ist neben Schönbrunn und dem Belvederegarten die wichtigste barocke Gartenanlage Österreichs. Er steht seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz im Verfassungsrang. Hier gaben Mozart, Beethoven und Schubert (ohne eigenen Saal!) Konzerte, hier konnte das Wiener Bürgertum ebenso wie später die Arbeiterschaft flanieren, denn schon im Jahr 1775 stellte der aufgeklärte Kaiser Josef II. das riesige Parkareal der Bevölkerung zur Verfügung. Josefs Widmung „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort von ihrem Schätzer“ ist heute noch über dem prachtvollen Eingangstor zu lesen.

Monika Roesler mit Brief

Monika Roesler mit dem Brief

Doch jetzt ist dieses Gesamtkunstwerk bedroht. Ausgerechnet durch einen Verein, der sich den Erhalt österreichischer Kultur und Tradition auf die Fahnen geschrieben hat: die Wiener Sängerknaben.

Denn just an der wichtigsten Ecke des Parks, die durch die neue U2 Station Taborstraße logischer Zugangsbereich zum Augarten wäre, wollen die Sängerknaben einen riesigen Klotz – eine Konzerthalle – in den wunderbaren Garten mit seiner Ulme, den Hollerbüschen und den vielen Wildtieren, hineinbauen. Mangel an Empathie und Rücksicht durch die Bauwerber ziehen sich leider wie ein roter Faden durch die Genesis der Planung. Warum wir der Meinung sind, dass das Bauvorhaben für den Standort Augarten problematisch ist und warum die bisherige Vorgangsweise von Bauwerber und Politik sehr bedenklich sind, finden Sie im Appendix.

Der Augartenspitz ist überall!

Durch unsaubere Vorgehensweisen von Politikern und Behörden gewinnt der Augartenspitz exemplarischen Charakter. Nicht nur prominente Baumpaten wie Barbara Albert, Robert Menasse, Erhard Busek oder Barbara van Melle (u.a.) und Unterschriften von mehr als 10.000 Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch die große mediale Aufmerksamkeit und Baugegner aus aller Welt (vor allem Touristinnen und Touristen!) belegen, dass hier kein lokales Phänomen, sondern ein allgemeingültiges Problem vorliegt. Es geht darum, einen Beispielfall für den Vorrang von Partikularinteressen vor Gesetzen und BürgerInneninteressen zu verhindern. „Der größte Feind des Rechts ist das Vorrecht.“ (Marie v. Ebner-Eschenbach)

Was wir uns von Ihnen erhoffen

Im Zuge des unverhältnismäßigen WEGA-Polizei-Einsatzes meinten Sie, dass man so einen Konflikt ausreden müsse. Das meinen wir auch! Da wir über Ihr Büro bisher keinen Termin mit Ihnen erhalten haben, bitten die Augarteninitiativen auf diesem Weg um einen Gesprächstermin für einen „Runden Tisch“, gemeinsam mit den Wiener Sängerknaben. Am besten vor Ort am Augartenspitz. Um mit Ihnen bei einem Lokalaugenschein die Perspektive der Kritiker des Projekts zu erörtern, Ihnen die Schönheit dieses „Alt-Wiener Ortes“ vermitteln zu können und um Ihre Argumente kennen zu lernen.

Brief-S4

Letzte Briefseite

Im Jahr 1999 waren es schließlich auch Sie, der den Konflikt um die Planung der Hakoah- Sportanlagen im Augarten durch die weise Entscheidung, einen Alternativstandort anzubieten, zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen konnte. Wir hoffen darauf, dass Sie auch diesmal einen Ausweg aus der Sackgasse weisen werden!

Mit freundlichen Grüssen,

Die Augarteninitiativen Josefinisches Erlustigungskomitee und Verein Freunde des Augarten
PS:    Eine Ihrer Magistratsabteilungen wirbt mit einem Wettbewerb für die schönsten Grünoasen Wiens – wir hoffen, uns in den nächsten Jahren noch dafür bewerben zu können: mit dem Augartenspitz!