Folgendes Statement wurde vom Aktionsradius Wien per Mail versendet und wird hier unverändert wiedergegeben:

Aktionsradius WienMut – als man ihn brauchte, fehlte er.
Warum der Aktionsradius nicht teilnimmt am Kongress über Mut.

Der Mut ist wie ein Regenschirm, immer wenn man ihn braucht, fehlt er.
Dank kreativer PR-Partnerinnen schwebt dieses schöne Motto über dem Eröffnungsspektakel der Sängerknabenkonzerthalle im Wiener Augarten.

Aus der Perspektive der WSK (Wiener Sängerknaben) ist es klug bis raffiniert, ehemalige Kritikerinnen und Kritiker zu „umarmen“, das Eröffnungsspektakel mit Beiträgen zeitgenössischer – auch engagierter – KünstlerInnen zu dekorieren und durch die Wahl des Themas (MUT) ein Mitschwingen der WSK mit den aktuellen gesellschaftlichen Aufbrüchen zu suggerieren.

Aus der Projekt-Website:
Was bedeutet Mut in unserer Zeit, und wer ist mutig?
Wo ist in Wien Mut zu finden und wie wird er gelebt?
Hat der Mut eine Ursache? Ist er eine Tugend?
Der Mut, sich zu öffnen, steht für uns im Mittelpunkt.

Allein die Organisation eines “Mut-Kongresses” macht eine Institution noch nicht mutig.
Die Wiener Sängerknaben und die Projektbetreiber der Konzerthalle waren im Laufe der Auseinandersetzung um das Bauprojekt leider nie bereit, einen offenen Diskurs zu führen, Expertenmeinungen zu diskutieren, Alternativstandorte zu evaluieren, den Leitbildprozess als Grundlage für eine Projektentscheidung abzuwarten oder zu runden Tischen zu kommen, zu denen BürgerInnen einluden.
Wo war die Courage? Wir haben es uns oft gewünscht, dass die WSK den Mut aufbringen, sich für den Dialog zu öffnen. Sind sie nun dazu bereit? Haben sie jetzt den Mut, sich bei den Mutigen zu entschuldigen, die sich im März 2010 an die Augartenbäume ketteten, um öffentliche freie Flächen vor der Privatisierung zu retten, und die in einem Polizeieinsatz, den man einem autoritären Regime zugemutet hätte, unter Lebensgefahr von den Bäumen “gepflückt“ wurden? Haben sie den Mut, diesen Widerstand als Ausdruck des Protestes der Mehrheitsmeinung der AnrainerInnen und ParkbenützerInnen zu honorieren? Haben sie den Mut, die Park-areale rund um die Konzerthalle und das Augartenpalais für die Allgemeinheit zu öffnen, den Englischen Garten als öffentlich begehbare Verbindungsachse zu gestalten, so wie es im partizipativen Leitbildprozess Augarten als wichtiges Thema und Ergebnis festgehalten wurde? – An solchen Dingen wird sich messen, ob “die Wiener Sängerknaben das Risiko eingehen, sich mit uns diesen Themen zu stellen und sich mit ihrer eigenen Öffnung und Weiterentwicklung zu konfrontieren”, so wie es auf der Website zum Kongress über Mut formuliert ist.

Wir kennen die Motive der „99 Mut-ExpertInnen“ nicht, die durch ihre Partizipation am Eröffnungsspektakel einen (ungewollten?) Beitrag zum „Schwamm drüber“ über diese Geschichte des Bauvorhabens leisten.
Vielleicht findet der eine oder die andere den Mut, auszusprechen, dass das Konzerthallenprojekt nur dank Ausschaltung demokratischer Normen realisiert werden konnte, oder umgekehrt, dass das Gebäude, dessen Eröffnung in einer Inszenierung der „gleichen Augenhöhe“ und in einer Wolke des Vergessens zelebriert wird, ganz woanders stehen würde, wenn Bund, Stadt, Investor und Sängerknaben akzeptiert hätten, dass bei solchen Bauprojekten die Bevölkerung und nicht das große Geld entscheidungskompetent sind.

Wir vergessen nicht den Stacheldraht, die Intransparenz, die irreführenden Informationen, die Kriminalisierung zivilen Engagements, den beängstigenden Einsatz von “Privat-Sheriffs”: das sind die Geburtshelfer der Konzerthalle. Wir vergessen nicht die Verhöhnung der Bürgerbeteiligungs-Willigen, als sie erfuhren, dass man beim Beteiligungsverfahren über die Zukunft des Augartens über alles reden dürfe, nur nicht über das Pühringer-Bauprojekt. Auch das sollte einmal festgehalten werden: Bei der vom Aktionsradius viele Jahre lang initiierten Partnerschaft der sozialen und kulturellen Akteure im Augarten (Kultur.Park.Augarten.) mit dem Ziel, die Parkangebote und die Augartenentwicklung zu koordinieren bzw. wienweit sichtbarer zu machen, glänzten die Sängerknaben durch Abwesenheit – mehr noch, durch demonstratives Nichtinteresse an Kooperationen und Gemeinschaftsprojekten.

Schwer zu sagen, wo Korruption beginnt. Vielleicht beginnt sie damit, sich mit dem Sieg des Geldes über die Menschen am Augartenspitz abzufinden, „das Beste“ aus dem Status quo zu holen und dem schlechten Gewissen zu raten, „bei Null anzufangen“ und alte Gräben zuzuschütten. Solche Haltungen mögen erstens bequem und zweitens karrierefördernd sein – aber sie sind tödlich für die Demokratie, die unter der Macht von Investoren und ihnen willfährig dienender Politiker erstickt.
Aus den genannten Gründen ist es dem Aktionsradius-Team unmöglich, der Einladung zu folgen und am Kongress über Mut teilzunehmen. Wir haben das Durchpeitschen des Bauprojektes – allen Widerständen zum Trotz – zu hautnah miterlebt, um einfach „Schwamm drüber“ sagen zu können.

Infos/Kontakt: www.aktionsradius.at, office@aktionsradius.at