Die kleine Geschichte Ein Dorf am Vierwaldstättersee wird reich beschenkt – und kämpft nun mit den Folgen

Verdächtiges Füllhorn über Vitznau

«Schenken macht Freude», sagt das Sprichwort. Und eigentlich ist es fast immer eine doppelte Freude. Denn die Beschenkten, denen ein unerwarteter Gewinn zukommt, und die Schenker, die sich als Wohltäter wohl fühlen dürfen, können sich gleichermassen freuen.

Es gibt allerdings auch trügerische Geschenke wie das Trojanische Pferd, dem Feinde entspringen. Es gibt Erbschaften und sogar Schenkungen, die schwere Schulden mit sich bringen und die man besser anderen überlässt. Und es gibt Geschenke, die den Beschenkten aus moralischen Gründen zu denken geben, wenn die Motive des Spenders zweifelhaft sind. Eines dieser Geschenke ist seit gestern in Vitznau am Fusse der Rigi das Tagesgespräch. Der Wiener Kapitaljongleur, Mäzen und Unternehmer Peter Pühringer, der mit geschätzten 300 Millionen Euro Vermögen zu den 40 reichsten Österreichern gehört, hat der Gemeinde am Vierwaldstättersee nämlich 5 Millionen Franken geschenkt. Er ist der Investor, der das ehrwürdige Vitznauer Parkhotel aus der Belle Epoque (Jahrgang 1903) für 200 Millionen Franken komplett aushöhlen liess und es im Sommer 2012 auf dem 5-Stern-Niveau der Neuzeit wiedereröffnen will. Schon nächsten Herbst verlegt er seinen Wohnsitz nach Vitznau und zieht mit seiner Familie selber ins Parkhotel. Da war es ihm laut Gemeindepräsident Noldi Küttel ein Bedürfnis, die Bevölkerung an der Entwicklung teilhaben zu lassen, denn die meisten Vitznauer werden das Hotel kaum je von innen zu Gesicht bekommen.

Nun hat Pühringer sein Geschenk aber an Auflagen gebunden, und diese lassen neutrale Beobachter das Schlimmste vermuten. Laut dem Vertrag, den er mit dem Gemeinderat ausgehandelt hat, ist das Geld nämlich in erster Linie für eine Steuersenkung zu verwenden. Heute liegt Vitznau mit seinem Steuerfuss im kantonalen Mittelfeld. Mit der Spende könnte es in die Spitzengruppe der steuergünstigen Luzerner Gemeinden vorstossen und sein Schulhaus ohne Steuererhöhung sanieren. In zweiter Priorität kann die Gemeinde einen über die Jahre ansteigenden Teil von Pühringers Zuwendung für ihre Entwicklung einsetzen.

Der Wiener Unternehmer schenkt Vitznau 5 Millionen Franken.

Als Noldi Küttel die guten Neuigkeiten an der Gemeindeversammlung vom Montag bekannt gab, ging ein Raunen durch die Reihen der Bürger, und am anschliessenden Apéro waren sie Thema Nummer eins. «Es hat eingeschlagen wie eine Bombe», sagt Küttel. Der Gemeinderat habe als Reaktion Freude erwartet, denn die 5 Millionen entsprechen den kommunalen Steuern zweier Jahre. Stattdessen musste er sich die Frage gefallen lassen, ob das Dorf eigentlich käuflich sei. Denn Pühringer hat sich unter Heimat-und Landschaftsschützern mit seinen Hotelprojekten in Vitznau und Weggis nicht nur Freunde gemacht. Der Ruf nach der Steuersenkung bringt den Neuzuzüger und gewieften Finanzhai deshalb in Verdacht, die Millionen nicht nur in Geberlaune, sondern auch aus Eigennutz gespendet zu haben.

Den Verdacht auf Bestechlichkeit stellt Küttel allerdings entschieden in Abrede. Der Gemeinderat habe vor dem Entschluss, das Geschenk anzunehmen, selber an Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» gedacht, die mit einer Millionenspende ein ganzes Dorf auf moralische Abwege bringt. Doch der Vitznauer Gemeinderat habe dafür gesorgt, dass Pühringer die Spende niemals zur Erpressung missbrauchen könne, denn das Geld sei überwiesen und gehöre nach sechs Jahren so oder so der Gemeinde – ob die Stimmbürger eine Steuersenkung nun guthiessen oder nicht. Der Entscheid, ob der Mäzen pauschalbesteuert wird, liegt zudem beim Kanton.

Was allfällige Vorteile für den grosszügigen Spender betrifft, wäscht Vitznau seine Hände also in Unschuld. Wir wollen es für einmal glauben, auch wenn der Gemeindepräsident in einem Ortsteil namens Mätzli wohnt. Denn einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, sagt das zweite Sprichwort.

Tagesanzeiger vom 18. Mai 2011
Erwin Haas, Luzern

Advertisements