Weinender BaumVon illuminatus.at | texte. finden. statt. stammt dieser schöne Bericht über die traurigen Ereignisse der letzten Zeit, mit vielen Bildern und Textbegleitung, wie diesem Zitat von Francois Villon:

Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!

(…ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!)

Barockabbau im Augarten

http://www.illuminatus.at (nicht mehr online); Autor: Schlesinger, 10.3.2010

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gestern begann die räumung des augartenspitzes. das war auch schon dringend notwendig! lauter demonstrierer aus berufung! so geht es ja wirklich nicht!

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gewissenhaft schneiden bestens ausgerüstete baumpfleger zweig für zweig von den ästen. und ast für ast von den bäumen.

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ein eifriger baumpfleger greift sogar mit der stielsäge ein und sägt einen fremden ast ab, auf dem er noch dazu nicht sitzt! die aktivisten sitzen im moment auf den kürzeren ästen.

doch am ende werden sie lachen. soviel ist sicher.

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der gesamte augarten wurde im jahr 2000 unter denkmalschutz gestellt. eine (teil)aufhebung darf nach dem denkmalschutzgesetz nur dann erfolgen, wenn die gründe für eine (teil)zerstörung die gründe für den erhalt des denkmals überwiegen. das bundesdenkmalamt hat dies zu prüfen. und das bundesdenkmalamt hat geprüft.

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im augarten befand sich in der nazizeit ein internierungslager, aus welchem jüdische bürger aus wien in die konzentrationslager im norden und osten des gottlob nicht wirklich tausendjährigen reiches verbracht wurden.

heute beobachtet die jüdische jugend den platz, an welchem die mit besonderem feingefühl ausgestatteten funktionäre der wiener sängerknaben eine „konzertkristall“ hinknallen wollten. als dann die augartenschützer artikulierten, keine „konzertkristallnächte“ zu wollen, waren die verantwortlichen einsichtig. derkonzertkristall soll jetzt relativ harmlos dr.eugen-jesserer-saal heißen. na bitte schön!

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„Ergötzlich ist es anzusehn,
wenn sich die Pomeranzen
Von Lüften hin und wieder drehn
Und auf den Ästen Tanzen…

Angelus Silesius, Sinnliche Beschreibung der Vier letzten Dinge, 1657

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ach ja der bescheid des bundesdenkamlamtes! shame on you, bundesdenkmalamt!

die vereinsmeier der sängerknaben hätten in ihrem antrag nachweisen müssen, dass eben die gründe für die (teil)zerstörung des augartens überwiegen. bloß sie hatten keine wirklichen gründe:
das bundesdenkmalamt hat daher gründe hin oder her gar nicht untersucht, leiterin war auf schiurlaub und dann wurde ein sogenannter „bescheid“ erlassen.

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das seit 1948 von der republik österreich zur verfügung gestellte palais augarten ist riesig groß, verfügt über vier proberäume und einen als salon benamsten auftrittssaal, in dem gerne staatsbesuche den ohrenschmaus der wiener sängerknaben verzehren. also keine notwendigkeit für eine herbergssuche.

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ein sehr bescheidener bescheid, bundesdenkmalamt!

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und dafür gibt es die zunge in fleisch von bild 7!

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„Der Baum, den Ihr erkiest, wird jederzeit Euch decken:
Euch wird kein trüber Sturm, kein Ungewitter schrecken;
Die Zweige werden stets voll schöner Blätter stehen…“

Andreas Gryphius, Auf Herrn Baums und Jungfrau Annae Mariae Gryphiae Hochzeit, 1638

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Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!

(…ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!)

Franois Villon, Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau, 1455

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„Sie trägt ein Gärtlein im Gesicht,
wo Rosen rot und Lilien blühen…“

Thomas Campion, 1617

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„Vorwürfe sind sie, Flora, stumm erhoben
Gegen Schönheit und Stolz des menschenlebens;
Was lebt, steht unter dem Gesetz der Blüte.“
Francisco de Quevedo, An Beispielen führte er Flora die kurze Dauer der Schönheit vor Augen, damit sie nicht ungenützt verstreiche, 1648

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„Du zauderst – deine Stunde wird vergehen,
und daß dein Gestern schwand, bereust du morgen:
Zu spät, und unter Schmerzen, wirst du klüger.“
Francisco de Quevedo, An Beispielen führte er Flora die kurze Dauer der Schönheit vor Augen, damit sie nicht ungenützt verstreiche, 1648

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…fast scheint es, als würden die bäume des augartenspitzes weinen…
natürlich weinen bäume nicht. es war einfach arschkalt! (an dieser stelle: aktivistinnen und aktivisten: ihr seid großartig!)
aber vielleicht war es arschkalt und die bäume weinten trotzdem. was weiß man?

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gefräßige baufahrzeuge mit vierten zähnen.

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das transparent leistet noch widerstand. der widerstand ist geschickt verankert.

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die „stützen“ unserer gesellschaft beteiligen sich am barockabbau. dabei wurde nicht nur barock abgebaut, sondern gleich ein wenig demokratie und rechtsstaat entsorgt.

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„Aufs neue staunend sieht er unter sich
zu aller Lust der Sinne hingebreitet
Auf engstem Raum reichste Natur – und mehr:
Himmel auf Erden! Gottes seliges Paradies
War dieser Garten von Ihm selbst gepflanzt…“

John Milton, Das verlorene Paradies, 1667

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„Der Garten empfängt den Gast auf festliche Art und Weise.“
Leon Battista Alberti,*1404 +1472

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nun, derzeit wird man am augartenspitz nicht gerade auf festliche art und weise empfangen.

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genau genommen wirst du überhaupt nicht empfangen. ein stacheldrahtzaun zeigt dir, dass du unerwünscht bist.

man steht davor und fragt sich wem eigentlich der öffentliche raum gehört. den vereinsmeiern von den wiener sängerknaben? das kann es doch wohl auch nicht sein!

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kunstvolle befestigung des stacheldrahtzaunes!

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mozart sollte recht behalten. derzeit gibt es das concerto für baukran und drei betonmaschinen in d-moll von den drei spezies häupl, pühringer und nettig.

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immer näher rückt der tarnkappenbomber an das barocke pförtnerhaus. notenblatt passt da kaum mehr dazwischen. die wachmannschaft zieht sich jedenfalls warm an.