Herr Minarik – stolzester Rock’n’Roll-Tänzer Wiens, charmantester Schneidermeister, galantester Kavalier alter Schule und originalster Leopoldstädter ist nicht mehr.Herr Minarik
Beim Augarten-Spitzerl-Tanz: Herr Minarik in seinem Element

Ein Vorname existierte für den bis zuletzt frohsinnig-jugendlichen Seventysomething praktisch nicht; für alle war er immer der „Herr Minarik“ vulgo „der Geschäftsführer“ – eigentlich aber täglicher Stammgast des legendären Gasthauses „Zum Sieg“. Längst war er mehr als nur Kunde, hatte viel eher die soziale Aufgabe eines Wirten: Wann immer man das „Sieg“ betrat, wurde man von ihm sonnig begrüßt, geherzt und zum gepflegten Plauscherl aufgefordert. Nie erlebte ich ihn auch nur ansatzweise missmutig, für mich war er die personifizierte Lebenslust. Wie innig konnte er sich über sein Vierterl Weiß freuen, und niemand konnte so wie er über die letzte Tanznacht schwärmen, von der er stolz verkündete: Er hätt’ wieder fünf (!) Viertelstunden mit einer jungen Dame getanzt und wär’ erst um drei ins Bett gekommen… Daraufhin pflegte er sein Geldbörserl zu zücken und ein Foto mit dem Fräulein, quasi als Zeugnis, zu demonstrieren.

Nun sei er friedlich entschlafen, heißt es. Herr Minarik, Sie sagten doch immer, Sie wollen „101 Jahre und drei Tage alt werden. Die letzten drei Tage zum Feiern.“ Ein Freitag-Mittag-Siegfischerl ohne Ihren Schmäh, ein Gschnasabend ohne Ihr obligates „Darf ich um ein Tänzchen bitten?“ – wie geht das überhaupt?

Wann immer wir Sie vermissen, werden wir ein ein Glaserl auf Sie heben und den Enkerln unsere Gasthaus-Anektoten schildern. Auf dass die Enkerln ihren Enkerln noch vom Wiener Charme des liebenswerten Herrn Minarik erzählen.

Wien, am 21.Oktober 2008

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