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Für die Augarten-AktivistInnen ist nach jahrelangen Scharmützeln um die Nutzung des so genannten Augarten-Spitzes ein vorläufiger Erfolg erreicht: Seitens des Denkmalamtes und der Wiener Sängerknaben ist entschieden worden, das barocke Pförtnerhäuschen mit umliegender Mauer nicht abzureißen und die Pläne für die Errichtung einer Sängerknaben-Konzerthalle (knapp hinter dem Barockensemble) völlig neu einzureichen. Die Künstlerin Raja Schwahn-Reichmann steht für eine außergewöhnliche und skurrile Form von BürgerInnen-Initiative. Der Augustin sprach mit ihr über die Methode der lustigen List und über die subversive Aneignung des Barocken.

Anmerkung zum Interview: Das vor einiger Zeit von BacchantInnen gegründete Josefinische Erlustigungskomitee hatte mit dem Anliegen, den Spitz als geheimnisvolles, grünes Stadtjuwel zu erhalten, das Volk sofort auf seiner Seite und trug in ungewöhnlicher, barock-bukolischer Form von Widerstand wesentliches zu dieser überraschenden Wende bei. Ihr Name ist inspiriert durch Josef II., der den Augarten „allen Menschen zur Erlustigung“ gewidmet hat. Rauschend wie eh und je feiert man nun das Hinauszögern eines möglichen Baubeginns um mindestens ein Jahr. Raja Schwahn-Reichmann, eine der MitbegründerInnen des Komitees hat bereits einen ganzen Fundus an „Spitzerl“-Anektoten und freut sich exorbitant auf die kommenden Monate. Schließlich muss man die Verantwortlichen endlich davon überzeugen, dass der Bau der Konzerthalle nur an einem völlig neuen Standort möglich ist. Harte Arbeit, aber bitte lustvoll!

In Wien ist man im Allgemeinen davon überzeugt, dass BürgerInnen in der Politik nichts mitzureden haben und jeglicher Protest sinnlos ist. Euer jüngster Erfolg zeigt, dass ein Einsatz des Volkes sich sehr wohl lohnt.

Gemessen an der Stimmungslage haben wir mit unseren barocken Kräften einen Etappensieg errungen. Ich fand den medialen Paradigmenwechsel sehr lustig – zuerst hieß es: “Bürgerinitiativen kämpfen gegen den Konzertkristall“. Nun heißt es: „Der neue Direktor der Sängerknaben kämpft für die Errichtung.“ Immerhin ist das ein Zeichen des Rückzuges, wiewohl auch die neue Variante dieses hohen Glasbetonungetüms hinter dem Portiersgebäude, direkt anschließend an das barocke Dach, natürlich entsetzlich ist.

Was kannst du dem Argument der Verantwortlichen entgegenhalten, diese „Gstettn“ endlich durch einen zeitgenössischen Kulturbau zu ersetzen, quasi als „Geschenk“ an die Leopoldstadt?

Dieser Druck, dass überall was passieren muß, ist krankhaft. Die Burghauptmannschaft, der Grundeigentümer, hatte ja die Absicht, diese Wiese den Normalbürgern als nicht erhaltenswerten Wildwuchs vorzuführen, was im Übrigen schon vor 20 Jahren ein ähnliches Argument im Kampf um die Hainburger Au war. Der Augartenspitz ist ein Ensemble aus gewachsener und geplanter Naturlandschaft, seinerzeit bewacht durch kleine dekorative wie funktionelle Pförtnergesindehäuser. Sie haben Poesie, weil sie gewissermaßen absichtslos sind und doch in Verbindung mit dem sehr repräsentativen Augartenhaupteingang Gewicht haben. Es gab da früher dörfliche Atmosphäre, wo man beim Fenster rausschaut und plaudert – eine typische Omamastruktur mit Hunderln und Sonnenblumen im Hintergartl. Auch waren da ein berühmtes Gasthaus und eine kleine Tankstelle. Beides sehr nützlich und integriert in diese Architektur, dabei sehr undesigned. Als Kind liebte ich diese geheimnisvolle, versteckte aber durch die Bewohnung doch offene Situation. Das Paradisischste, was es in einer Stadt geben kann ist es, in einem Garten zu sitzen, wenn man schon keine weiten Hupfer machen kann als kleiner Bürger. Warum sollte man ein solches Platzl zerstören? Indem es einbezogen wird in eine neue Architektur wird es vernichtet, als würde es abgerissen, weil der Stimmungswert verloren geht. Die Lesbarkeit eines solchen Gebäudes entsteht ja erst durch den Raum, den es um sich hat. DAS ist das Denkmal!

Abgesehen von der Architektur selbst und dem unpassenden Standort, siehst du auch die prinzipielle Vorgehensweise von Seiten der Verantwortlichen aus Politik, der Sängerknaben und deren Privatsponsor Peter Pühringer als problematisch.

Bei den Sängerknaben mag eine große Absicht im Bereich der Musik liegen, jedoch gibt es völlige Unbedarftheit was das Visuelle betrifft. Sie sind überfordert in der Entscheidung, was ein schönes Gebäude ist. Der Sponsor benützt die Sängerknaben, um sich selbst ein Denkmal nach seinem Geschmack zu errichten. Allerdings weiß er anscheinend nicht, dass das nicht gut ankommt in der Öffentlichkeit. Da treffen viele Defizite und Unsicherheiten aufeinander. Dazu kommt dieses Vakuum der Politik, die auch keine Sensibilität und kein ästhetisches Empfinden hat, sondern wie ein Netzwerk funktioniert: Es gibt diese Dreieinigkeit hinter den Kulissen aus Politik, Clubgeflecht der ehemaligen Sängerknaben und dem Kapital. Jeder steht für etwas, aber erst zusammen werden sie problematisch. Jedenfalls müssen alle um ihre Popularität bangen, wenn sie so agieren.

Du und deine MitstreiterInnen, ihr verbringt seit Monaten jede freie Minute am Spitz. Wie ist dein persönlicher Zugang und woher kommt diese unheimlich starke Motivation?

Durch eine Protestveranstaltung im Dezember 2007 hab ich erfahren, dass dieses wunderbare Bauensemble vom Abbruch bedroht ist. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, weil ich dachte, dass sowas seit den 60er-Jahren nicht mehr möglich ist. Und dann noch von oberster Hand beschlossen: vom Wirtschaftsministerium, goutiert vom Bürgermeister, toleriert von Kulturministerin und Kulturstadtrat. Als Restauratorin kann ich das einordnen und hab schließlich aufgrund meiner Berufsethik die Pflicht, mich für schützenswerte Denkmäler einzusetzen. Und weil ich da auch aufgewachsen bin und sowieso eine Ader fürs Barocke hab, hat mich das in Rage gebracht. Wut macht Mut! Ich dachte, wenn ich mich hier nicht einsetze, wofür dann? Die Sache war so drastisch in ihrer ganzen demokratiepolitischen Symptomatik, da kann man nicht mehr einfach zuschauen. Ich hab schon seit Jahren auf meiner Visitenkarte meine „Barocknotrufnummer“ angegeben: „Im Falle von akutem und chronischem Minimalismus“. Ich hab das natürlich ironisch gemeint, aber plötzlich wurde aus Humor blutiger Ernst.

Euer Widerstand ist bunt-skurril, auffallend und beliebt bei Menschen und Medien. Schönheit und Freude als Waffe?

Wir haben erst mal ein riesiges Transparent auf das Dach des Pförtnerhäuschens gehängt. Ein paar auf Holz gemalte Engerln von mir sind auch auf dem Schornstein gelandet, sozusagen als Schutzengerln. Man kann damit etwas fast voodoo-mäßig beschützen. Es ist wie ein Gebet: Ob es nun geschrieben oder gemalt ist, es hat dieselbe Intention. Dann kam das Besetzungsfest und wir bekamen viel Echo. Um die positive, lustige Energie nicht verpuffen zu lassen, führten wir den „gut gefaunten Widerstand“ ein und riefen zur wöchentlichen Freitagsmahnwache am Spitz auf. Die sollte listig-lustig sein, nicht zu belehrend. Wir haben unseren Widerstand flächendeckend optisch über das gesamte Spitzerl und Filmarchiv ausgebreitet, auf freundliche Einladung des Sommerkinos, wo wir auch unser riesiges „Transparentkleid“ mit 15m langer Schleppe auf der „Miederstand“- Kinomodenschau und einen Kurzfilm präsentierten.

Menschen kommen friedlich zusammen, um ein Feuerwerk an Lust und Freude und Schönheit zu erzeugen. Oft wird das, was ich mache, als Dekoration gesehen. Das macht zwar nichts, andererseits ist es doch wichtig zu widersprechen. Dabei ist man ja nur figürlich-gegenständlich und will mit diesen Mitteln eingreifen in ein Bild. Aber nicht auf eine verkrampft-kopfige Installationsweise, sondern als Kassiber des Energiereichen, das die Menschen ein bisschen an ihrer lustigen Wurzel packen will. Auch setzen wir Pflanzen gegen die Pflanzerei von oben und haben einen „barocken Parterregarten“ errichtet. Überall sind Schmuck- und Nutzpflanzen verteilt: Auberginen und Paradeiser neben Dufttabak; Kornblumen und Oleander ranken sich tänzerisch umeinander. Jede wichtige Zeremonie hat etwas Überdachtes und so ist unser bukolischer Baldachin – als Andeutung einer gastlichen, zarten Architektur – Zentrum kleiner Feste. Wir setzen dem Bauvorhaben einen mythologischen Bauwillen entgegen: widerwillig und gleichzeitig einladend. Diese Zelte sammeln sofort sehr viele Geschichten. Menschen gehen zufällig vorbei und plötzlich verbringen sie gemeinsam einen Abend, zikadenbeschallt baldachinierend, umgeben von Polsterln und Kerzen und Malerei, die aus der Wiese wächst. Ganz nach meiner künstlerischen Botschaft: „Jedem Pagödchen sein Episödchen.“

Mit Raja Schwahn-Reichmann sprach Doris Kittler.

www.erlustigung.org
Barocknotrufnummer: 06764953133

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