…vom 20. Internationalen Akkordeonfestival, April bis Oktober 2019.

Friedl Preisl feiert am 22. April 2019 seinen 63. Geburtstag. Weil das Festival zufällig am selben Tag beginnt, singen ihm die Wiener Sängerknaben unter dem Dirigenten Otto Lechner das Lied „O Tannenbaum“. Die Knaben wurden erstmals im Jahre 2017 zum Akkordeonfestival zugelassen, nachdem ihre neue Konzerthalle in Wien-Atzgersdorf in Form eines überdimensionalen Akkordeons eröffnet worden war. Weil das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wegen des Triumphzugs des chinesischen Kalenders nicht mehr vermarktbar ist, wird das Akkordeonfestival heuer erstmals an alle Welt verkauft.

Allein in Nigeria wird Preisls Eröffnungsrede in folgende Sprachen übersetzt: Yoruba, Hausa, Igbo, Edo, Samba Leko, Samba Daka, Kukele, Kamweh, Ikwere und Fulfulde.

Im Gasthaus Narrendattel im Prater – früher unter dem Namen Schweizerhaus bekannt – findet nach jedem Konzert eine Nacht der Improvisation statt. Die Partituren für diese spontanen Inspirationen schrieb Walther Soyka. Im Gasthaus Narrendattel auf der Schmelz – früher Schutzhaus zur Zukunft – tritt Hubsi Kramer als Berlusconi auf, der eben zum siebenten Mal zum Ministerpräsidenten Italiens gewählt worden ist. Souverän hat Hubsi Kramer den Aufnahmetest in das Akkordeonfestival bestanden. Preisls Testfrage lautete: Was hat mehr Knöpfe: Die Schrammelharmonika oder die Uniform der Freiwilligen Feuerwehr von Scheibbs?

Im Narrendattel-Depot am Heumarkt, früher Birdland, revolutioniert Vincenz Witzlsperger die Handhabung des Akkordeons durch seine Entdeckung des Balgvögelns. Hierbei wird ein Loch in den Balg des Akkordeons gestochen, durch das ein Strohhalm einer bestimmten Strohsorte – Witzlpergers Geheimnis! – eingeführt wird. Der Künstler erzielt durch die Zufuhr von Atemluft in den Balg sowie durch Ziehen und Drücken desselben die gewünschten Effekte. Klaviaturen bzw. Tastaturen werden bei dieser Spielweise funktionslos, was der Künstler durch das performative Herausreißen der Klaviertasten im Laufe des Konzerts überbetont.

International bewundert und geachtet – ich verweise auf das Grußschreiben aus Berlin aus dem Jahr 2008, das im Anschluss verlesen wird – sieht sich Friedl Preisl in der eigenen Stadt vielfach mit Missgunst und Neid konfrontiert. Die Eingliederung des Donauinselfestes, seit sieben Jahren Bestandteil des Internationalen Akkordeonfestivals, habe eine Verwässerung der ursprünglichen Idee gebracht. Um die vielen Bühnen der Insel mit viertägigen Programmen zu füllen, habe Preisl auch Bands engagiert, in denen Akkordeons nur eine marginale Rolle spielen, so lautet der Vorwurf. Am Beispiel DER ÄRZTE und der TOTEN HOSEN, die heuer das erste Mal dabei sind, entkräftet Friedl Preisl das Argument der Beliebigkeit. In einem Vertrag, den Preisl in einer Pressekonferenz preisgab, verpflichten sich die beiden deutschen Bands, das Akkordeon in das Zentrum ihrer Performance zu rücken. Campino besteigt einen aus zehn steirischen Knöpferlharmonikas bestehenden Turm und springt von dessen Spitze ins Publikum. Farin Urlaub, Gitarrist, greift nach der Pause zum Akkordeon und zeigt, was ihm Martin Lubenow in einer Klausur in der Villa Narrendattel, vormals Baumgartner Casino, beigebracht hat. Am besten gelingt Farin der Wechsel zum neuen Gerät im „Lied vom Scheitern“ und bei der Akkordeonfestivalvariante eines Ärzte-Sogs mit dem neuen Titel „Mein Friedl war beim Friseur“

Seine internationale Reputation hat Friedl Preisl genützt, um Wien auch zum Magneten der osteuropäischen Straßenmusikszene zu machen. Speziell in den noch verbliebenen akkordeonfestivalfreien Monaten erfreuen sich die Benützerinnen und Benützer der Wiener Linien eines permanenten Angebots von Roma-Akkordeonmusik. In einem Musterprozess erzwang Friedl Preisl, unterstützt vom Augustin, eine Modifizierung der Lautsprecherdurchsagen in den U-Bahnen. Die neue Version lautet nun: „Bitte halten Sie für Bettler und Musikanten ausreichend Kleingeld bereit. Ihre Wiener Linien.“

Weil die Wiener Linien nicht Bestandteil des Magistrats, sondern eine eigenständige Firma sind, ist Wiens Bürgermeisterin Ursula Stenzel hier nicht zuständig. Umso heftiger schlägt sie in ihrem Kompetenzbereich zurück. Die jüngste Novelle der Straßenmusikverordnung verbietet im Paragraph 11 die Verwendung des Akkordeons bei Straßenmusikdarbietungen an katholischen Feiertagen und erlaubt es an sonstigen Tagen nur auf folgenden Plätzen: Verteilerkreis, Wien 10; Neilreichstraße im Bereich zwischen Troststraße und Raxstraße, Wien 10; Areal unter dem Autobahnknoten Kaisermühlen, Wien 22; Kreuzungsbereich Simmeringer Hauptstraße / Awarenstraße, Wien 11 sowie Edmund Hawranekplatz, Strebersdorf, im Abstand von 50 Metern zur dortigen Kirche. Der Absatz 4 des Paragraph 11 verbietet jedoch das unbeaufsichtigte Abstellen von Akkordeons auf diesen legalen Akkordeonplätzen. Zitat: „Das Akkordeon kann in diesem Fall jederzeit amtlich entfernt werden. Der entfernte Gegenstand kann von einer zur Übernahme legitimierten Person unter Vorlage eines geeigneten Nachweises über den rechtmäßigen Besitz (zum Beispiel Typenschein, Einzelgenehmigung, Kaufvertrag) und eines amtlichen Lichtbildausweises nach Vorsprache während der für den Parteienverkehr vorgesehenen Amtsstunden, das ist Montag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr in der MA 48 Abschleppgruppe, 1110 Wien, Jedletzbergerstraße 1, aus der Akkordeon-Verwahrstelle abgeholt werden. Gemäß Paragraph 89 a Absatz 7 Straßenmusikverordnung 2008 sind die Kosten bei der Übernahme des Akkordeons zu bezahlen.“

In der Jedletzbergerstraße sind zu diesem Zweck zwei Lagerhallen eingerichtet worden: für chromatische und diatonische Akkordeons.

Tini Trampler zeigt sich begeistert vom poetischen Gehalt dieser Amtsprache. Im Auftrag Friedl Preisls wird sie die Straßenmusikverordnung vertonen. Weil das 21. Internationale Akkordeonfestival erstmals europaweit durchgeführt wird, wird die Wiener Straßenmusikverordnung in allen Nachbarstaaten Österreichs uraufgeführt, ausgenommen Leganordland. Solche Innovationen, die das Festival immer wieder von neuem attraktiv machen, sind für Preisl wichtig – denn es droht Konkurrenz.

… in Form von Publikumsmagneten wie dem Klezmore-Festival oder der Songreiterei. Ob Preisl die Oberhand behält – oder Preisl – oder Preisl, das sollen die Volkswirtschaftler analysieren. Wir, das Komitee zur Krönung ungekrönter Königinnnen und Könige, kurz KKKK, werden uns in dieser Angelegenheit mustergültig neutral verhalten. Der Jubilar wird es uns verzeihen.

R.S., April 08

Advertisements