Ein Kommentar aus dem Grätzlblattl 02/2011 (Download als pdf)

Gegen gedankliche und tatsächliche Salamitaktik

Vielen erscheint es übertrieben, dass die „Freunde des Augartens“ nach wie vor jeden Donnerstag ihre Mahnwache gegen den Bau der Konzerthalle abhalten. Aber auch wenn es illusorisch geworden sein mag, einen Baustopp zu erwirken – eine Lösung der Situation wird wohl erst dann möglich, wenn eine friedliche Koexistenz mit dem Filmarchiv und seinen Veranstaltungen sowie eine Bewahrung des restlichen, noch bestehenden alten Baumbestandes und Gartenareals für die Bevölkerung ohne weitere territoriale Begehrlichkeiten von Seiten der Wiener Sängerknaben garantiert wird.

Noch ist nicht allen klar, ob und wo der geplante Klanggarten und der Kinderspielplatz entstehen sollen. Die Eroberungstaktik der Sängerknaben in Sachen Konzerthalle war erfolgreich, dank des „großen Geldes“ eines Privatsponsors, dank der tatkräftigen verbalen Unterstützung des Wiener Bürgermeisters und nicht zuletzt durch die Aufgabe des Augartenspitzes als grünes Wahlkampfthema, sobald sich die Möglichkeit zur Koalition mit der SPÖ in Wien abgezeichnet hat.

Ernsthafte Gespräche zwischen Baubetreibern und den Gegnern der Konzerthalle fanden nie statt – trotz mehrfacher Versprechungen. Alternativen wurden nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Das Misstrauen auf Seiten der Konzerthallengegner ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen daher groß. So lange nicht ein ernsthaftes Bemühen um eine neue Vertrauensbasis in Sicht ist, werden die Mahnwachen daher wohl andauern. Aber die Hoffnung lebt – die neue Geschäftsführerin der Konzerthalle kommt aus der freien Theaterszene. Vielleicht bringt sie den Anliegen der Bürgerinnen und Bürger rund um den Augarten mehr Verständnis entgegen als der elitär im Barockschloss residierende Altherrenverein der Wiener Sängerknaben.

Sissi Schamschula & Beate Scholz

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